Ich bin's Almuth...

...das Küken dieser starken Truppe. Als Mädel vom Lande zog es mich bald in die Stadt. Zunächst nach Oldenburg zur Ausbildung, zwei Jahre später nach HH, wo ich dann auf diesen tollen Haufen Menschen traf.

Seit 2008 unterrichte ich nun in Bremen an der Schule und seitdem friste ich auch ein gewisses Vagabundendasein...

Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir Bremen.“

 

Der Metronom aus Hamburg kommt in Bremen an – ich nicht. Ich sitze im Zug, doch ich komme nicht an, ich treffe ein.

Seit 18 Monaten fahre ich regelmäßig in Gleis 10 des Bremer Hauptbahnhofs ein, steige aus, laufe zur Wohnung und dennoch bin ich in Bremen nicht angekommen. Nur eingetroffen!

Wann ist man da? Wo bin ich jetzt? Wo will ich sein? Wie lang? Und warum überhaupt? Wo bin ich zu Hause?

Mein Perso sagt in Bremen, meine Ma sagt das bleibt immer in Lohe und ich? Ich gucke fragend meinen Rucksack an und sage: „…“ Ich sage: „…“ Ich sage: erstmal nichts. Ich sage erstmal nichts, weil sich mein Innerstes streitet. Herz – Bauch – Kopf! Morgens – Mittags – Abends! Alle, Alles, Immer Anders!

Zwischen all dem Geschrei geb ich dem Kopf das Wort. Er rechnet und bilanziert:

Die meisten Stunden verbracht in den letzten 18 Monaten:            Bremen

Die schönsten Stunden verbracht in den letzten 18 Monaten:        Hamburg

Job und Kohle                                                                                   Bremen

Party und Prosecco                                                                          Hamburg

Die meisten warmen Mahlzeiten in den letzten 18 Monaten            Punkt für Mutti

kurzfristige Liebschaften                                                                  Bremen

langfristige Freundschaften                                                              Hamburg

Niederschlagsmenge                                                                       Gleichstand

Sonnenstunden                                                                                Lissabon (in 2 Wochen ist schnell aufgeholt, was im Norden nicht ist...)

 

Diese Bilanzen führen zu nichts – so viel ist klar.

 

Was ist es, was das Gefühl ausmacht? Das Gefühl, dass es besser ist in Hamburg zu sein. Was macht es besser in Hamburg auf den Bus zu warten, als in Bremen den Bus zu kriegen? Vergleiche gibt es viele.

 

Was ist der Hafen von Bremen gegen das Meer von Legosteinen mit denen Krankatzen Tetris spielen, in denen ich Träume verpackt und mit großen Pötten auf die Reise geschickt habe?

Was ist das ¼ gegen die unendliche Ausgehvielfalt zwischen Schanze und Reeperbahn mit szenigen Leuten die sicher alle was mit Medien machen, mit besetzter Flora, mit jonglierenden Punks, Astra, Hinz und Kunzt, in deren Mitte ich untertauchen kann, weil ich im Meer der Besonderheiten versinke und so versunken die Abende vorbei treiben ließ: die Welt verbessernd an der Bar, flirtend auf der Tanzfläche, strauchelnd auf dem Weg heim.

Was ist der Wallgraben auf dem allenfalls ein Holzbötchen an der Leine fährt gegen die weißen Segel, die Achter und Drachenboote, die in mitten des Stadtzentrums, umrundet von Joggern auf der Alster um Sonnenstrahlen und Aufmerksamkeit buhlen?

 

Hamburg mein Hamburg, das Tor zur Welt.

 

Hamburg ist zwar das Tor zur Welt, aber Bremen hat den Schlüssel.“ So unterschreibt ein Freund jede Mail an mich. Und JA, ich habe in den letzten 18 Monaten auch schöne Seiten kennen gelernt. Ein Weihnachtsmarkt in historischer Kulisse ohne Weihnachtsmann und Engel am Drahtseilakt, den Werdersee, das Schnorr, der Weg zum Stadion in der Ameisenstraße am Osterdeich entlang.

All das ist auch irgendwie schön, um nicht zu sagen nett. Nett im Sinne von NETT, nett im Sinne von nett J, nett im Sinne von NETT IST DIE KLEINE SCHWESTER VON… Bremen ist nett, Bremen ist die kleine Schwester von… Hamburg.

 

Was ist es, was das Gefühl ausmacht, dass es besser ist in Hamburg zu sein. Der Hafen und die Elbe? Schanze und Kiez? Alster und Jungfernstieg? Ich glaube nicht!

Ist der Heimatfaktor einer Stadt wirklich an der Größe der Containerschiffe zu messen? Ich bin Nordlicht durch und durch, aber selbst ich bekomme Argumentationsschwierigkeiten. Es ist MEHR was in Hamburgs Großstadtluft liegt, was mich ankommen lässt, was mich willkommen heißt und sagt: „fühl dich wie zu Haus, du weißt ja wo alles ist!“. Wenn ich in Bremen in den Zug steige, um mich auf den Weg zu machen, dann nehme ich geistig Kontakt zu ihr auf  -  teile ihr mit: Sitzplatz in Fahrtrichtung links  -  und bis ich mich ca eine Stunde später der Stadt nähere, hat sie mir schon ihre schönste Seite zugekehrt. Ich überquere die Elbe, blicke auf Lichter und Kräne und Pötte und Legos, sehe die Brücken und die Speicherstadt und dann lässt sie mich nicht lange warten. Ich treffe ein und komme an zur gleichen Zeit, ich steige aus. Da ist die Menge der Menschen und das Meer der Besonderheiten und ich tauche ein, ich tauche ab, ich komme an und bin für eine kurze Zeit wirklich DA.

 

 

 

 

'Mein Kinderzimmer' - nur eine der vielen tollen Unterkünfte, die ich von Euch zur Verfügung bekomme.
'Mein Kinderzimmer' - nur eine der vielen tollen Unterkünfte, die ich von Euch zur Verfügung bekomme.

Meine Lieben,

ich vermisse Euch oft, aber ich genieße auch so sehr zurück zu kommen zu Euch. Vielleicht ist das der eigentliche Sinn und Zweck meines Auszugs. Auch wenn es zuweilen so scheint, als würde mein Heimatgefühl auf der Strecke bleiben, glaub ich, dass es schon richtig so ist. Ich wünsche mir so sehr, dass wir das Gemeinsame weiter bewahren können. Ihr seid großartig! Danke für Eure Herbergen und Eure Zeit, für die Erinnerungen und Erlebnisse. Ich kann das alles wohl noch viel mehr schätzen, seit ich weg bin.

Part-of-you ... Part of me!